Wende am 10. November 1989 – Wende für alle

Der 10. November des Jahres 1989 begann wie einer der vielen Herbsttage – wolkenverhangen und regnerisch. Dann kam sie aber, die sensationelle Nachricht: der Generalsekretär des Zentralkomitees der Bulgarischen Kommunistischen Partei Todor Schiwkow wurde gestürzt. Die meisten Bulgaren konnten es nicht glauben, als es in den Nachrichten gemeldet wurde. Keiner ahnte, dass das der Anfang des Systemwechsels im Land war.

Der Grundstein für den Wandel zur Demokratie wurde vor genau 20 Jahren gesetzt. Der Weg war aber ein dornenübersäter. Nur langsam konnten die Trümmer des zusammengebrochenen Kommunismus beseitigt werden. Die Menschen mussten sich erst an den Gedanken der Freiheit gewöhnen und was noch wichtiger ist: sie mussten lernen, etwas mit ihr anzufangen. Schneller ging die Umstellung im materiellen Bereich: Die halbleeren Geschäfte aus den Zeiten des „Sozialistischen Realismus“ gehören längst der Vergangenheit an.

Der Tag der Wende gibt Anlass darüber nachzudenken, ob wir heute zufriedener sind. Darüber herrscht keine einhellige Meinung. Der Systemwechsel hat viele positive Dinge gebracht, uns aber auch die negativen nicht erspart. Denken wir beispielsweise an die derzeitige Krise, die wachsende Arbeitslosigkeit, korrupte Politiker... Die Menschen glauben treuherzig den politischen Versprechungen und leben mit der Hoffnung von Parlamentswahl zu Parlamentswahl, dass es für sie persönlich besser werden wird. Viele sind enttäuscht, denn die Wende hat sich in Bulgarien Jahre dahingeschleppt und sogar Analysten behaupten, dass sie mit unserem Beitritt zur Europäischen Union 2007 kein Ende gefunden hat.

Haben wir etwas falsch gemacht, oder waren unsere Vorstellungen vom anderen System nicht richtig? Versetzen wir uns erneut in die Zeit zurück. Radoslaw Dikow, Nachrichtenredakteur am Bulgarischen Nationalen Rundfunk erzählte uns folgendes:

„Zu Beginn dachten wir, dass man lediglich mit Reformen des Sozialismus beginnen wird. Die Menschen dachten, dass Todor Schiwkow an allem schuld ist und dass der Sozialismus reformiert werden könnte, damit sich unser Leben bessert“, sagt Radoslaw Dikow und betont: „Ich selbst hab es nicht glauben können, dass das System so einfach weggefegt werden kann. Es herrschte große Euphorie, die Menschen versammelten sich zu gigantischen Kundgebungen, alle fieberten mit den politischen Prozessen. In Bulgarien setzten die Wendejahre ein und alles wurde schwieriger. Politische und wirtschaftlich schlugen die Dinge eine ganz andere Bahn ein, als wir erwarteten. Meiner Ansicht nach hätte die Wende ganz anders aussehen können. Wir hätten einer sozialer orientierten Marktwirtschaft zusteuern können. Zu Beginn hieß es, dass alle die gleichen Startchancen hätten. Die von den Kommunisten gehorteten Gelder flossen aber in die Taschen bestimmter Personen, die sich von einem Tag zum anderen in große Kapitalisten verwandelten. Der Großteil der Menschen blieb arm.“

Wenzislaw Nikolow, ein weiterer Kollege von uns, erreichte die Nachricht von der Wende auf der anderen Halbkugel der Erde – er war zu jener Zeit als Korrespondent des Bulgarischen Nationalen Rundfunks in Lateinamerika eingesetzt. Er erinnert sich, in welche Panik die Botschaftsangestellten Bulgariens verfielen, in Angst, ihre guten Posten zu verlieren. Wenzislaw Nikolow sah hingegen eine persönliche Chance zur Weiterentwicklung – er wurde Sonderkorrespondent einer der größten lateinamerikanischen Fernsehsender und berichtete über den Systemwechsel aus Sofia.

„Ich kehrte gerade an dem Tage nach Bulgarien zurück, als das Gebäude der kommunistischen Partei in Brand gesetzt wurde“, erinnert sich Wenzislaw Nikolow. „Ich habe sofort begonnen, über die Ereignisse zu berichten. Die Lage war äußerst dynamisch. Ich schaffte es, mich mit den damals führenden politischen Kräften im Land zu den Ereignissen zu unterhalten. Die einfachen Menschen hatte große Hoffnungen. Es folgte aber die große Enttäuschung, weil sich nämlich zwielichtige Personen an die Spitze der gesellschaftlichen Prozesse stellten, ganz einfach, um sich die Wirtschaft unter den Nagel zu reißen. Die Menschen büßten die Stabilität ein – im Sozialismus gab es keine extreme Armut. Dafür aber verloren wir das Gefühl, auf der Stelle zu treten, wie es im Sozialismus der Fall war – die Bürger schöpften Hoffnung. Die Menschen meiner Generation waren aber gewohnt, dass man ihnen die Entscheidung abnimmt. Erst die jüngeren Generationen werden die Werte zu nutzen wissen, die die neue Gesellschaft mit sich brachte.“

Die Musikredakteurin Albena Besowska ist ihrerseits der Meinung und sagt, dass sich der Mensch nicht automatisch verändert, wenn das politische System ausgewechselt wird.

„Wir waren einfach so erzogen worden, Kompromisse zu machen – die Kompromisse waren eine Art ungeschriebenes Gesetz“, sagt sie. „Man machte sogar Kompromisse mit dem eigenen Gewissen. Aus diesem grund haben die älteren Generationen, die im Kommunismus aufgewachsen sind eine eher verdrehte Vorstellung. Meiner Meinung nach hat sich in den Jahren nach der Wende nicht viel verändert. Ich arbeite nach wie vor und bekomme weiterhin ungenügend Geld dafür. Es ist für mich weiterhin aus finanziellen Gründen schwer, meinen drei Kindern eine gute Bildung zu geben. Was haben wir eigentlich gewonnen? Die Freiheit, zu reisen. Wir fühlen uns nun als Teil der Welt. Wir müssen aber die Mauern in uns abbauen. Der Anstoß dazu kam vor 20 Jahren.“

Anelia Zonkowa ist Chefredakteurin in der innenpolitischen Redaktion von Radio Bulgarien. Sie trauert der Vergangenheit keine Träne nach, so schwer auch die Transformation gewesen ist.

„Es gibt für mich nichts wichtigeres als die persönliche Freiheit in allen ihren Aspekten“, versichert sie. „Die Erfahrungen, die wir in den Wendejahren gemacht haben, haben uns ihrerseits bereichert. Wir sind weiser geworden und vielleicht auch reifer für die wahre Demokratie. Wir müssen sie nur zu unser aller Wohl zu nutzen wissen. In 20 Jahren werden wir die Dinge neu überdenken. Ich bin davon überzeugt, dass wir sie dann auch in persönlicher Sicht positiver sehen werden.“ 


Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: Weneta Nikolowa
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Снимка: БГНЕС

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