Juliana Antonowa-Murata: In Japan bringt man Bulgarien viel Achtung und Liebe entgegen

Tausende Kilometer trennen Japan von Bulgarien. Und das ist sicherlich der Hauptgrund dafür, warum nur ca. 400 Bulgaren dort leben. Bestimmt kann jeder von ihnen seinen Freunden und Verwandten interessante Geschichten über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Bulgarien und Japan erzählen. In Staunen versetzt uns Bulgaren das japanische Wirtschaftswunder und die Tatsache, dass es diesen Menschen nach den verheerenden Verwüstungen des Zweiten Weltkrieg gelungen ist, solch ein Wirtschaftsboom zu erzielen. Und das auch noch bei einem fast vollständigen Mangel an Bodenschätzen und auf einem Territorium, das häufig von starken Erdbeben, Erdrutschen und heftigen Orkanen heimgesucht wird. Unlängst ist eine Bulgarin aus dem Land der aufgehenden Sonne in die Heimat zurückgekehrt, um in Sofia ihr zweites Buch zu präsentieren, das vom Alltag und den Beziehungen in Japan handelt. Das Schicksal hat Juliana Antonowa-Murata als Ehefrau, Mutter und Diplomatin nach Japan verschlagen. Dort ist vor 35 Jahren auch ihr Sohn zur Welt gekommen.

Sehr einprägsam sind die Titel ihrer zwei Bücher. Das erste heißt „Moschi, moschi, Japan“ (Deutsch: „Hallo, hallo, Japan“). Die Autorin hat uns allerdings erklärt, dass das „Hallo“ beim Telefonanruf dort die Frage beinhaltet: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein“. Und der Titel des zweiten Buches lautet „Uki, uki, Japan“ – mit diesen Worten drücken die Japaner gegenseitige Sympathie und Vertrauen aus.

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Das, was die Japaner auszeichnet, ist die Liebe zu ihrem Land. Naturkatastrophen gehören dort zum Alltag, doch sie sehen Japan als Reichtum und den schönsten Ort der Welt an“, sagt Juliana Antonowa-Murata. „Ihren Erfolg verdanken sie nicht zuletzt auch der Tatsache, dass sie ausgesprochen erzogene und tolerante Menschen sind. Sie begegnen keiner Religion mit Feindseligkeit. Es entsteht der Eindruck, als wären die Japaner für ein raues und hartes Leben geschaffen, so dass sie geeint unter x-beliebigen Umständen jegliche Schwierigkeiten meistern können. Dort meint keiner, etwas mehr zu sein als die anderen. Die Japaner legen viel Geduld an den Tag und sind redlich bemüht, stets ihr Bestes zu geben – egal ob bei der Arbeit, im Team oder für die Familie. Wenn wir Bulgaren so handeln, dann gleichen wir den Japanern und genauso kennen und achten sie uns auch.

Die Unterschiede zwischen Bulgarien und Japan sind nicht groß“, sagt Juliana Antonowa-Murata weiter. „Auch dort leben ganz gewöhnliche Menschen, die sehr angenehm und sympathisch sind und die gleichen Dinge lieben wie wir. Jeder möchte ein normales Dasein führen, lieben und geliebt werden und die Möglichkeit haben zu reisen. Deshalb unterscheiden wir uns nicht besonders von diesem Volk. Das, was mich als Bulgarin jedoch besonders stark beeindruckt hat, ist die Liebe, die die Japaner uns Bulgaren entgegenbringen.

Sie begegnen uns mit einem Gefühl, das wir untereinander bedauerlicherweise nicht haben. Für sie sind die Bulgaren sehr kluge, intelligente, gut aussehende und ihrer Meinung nach sogar durchweg geniale Menschen. Das, was ich von uns höre, erfüllt mich mit Stolz. Umso mehr ärgert es mich, wenn ich nach Bulgarien zurückkehre und sehe, wie sich die Bulgaren gegenseitig schlecht machen. Hier kann man beispielsweise jemanden sagen hören: „Sie ist eine Lügnerin.“ Eine solche Äußerung würde sich in Japan niemand erlauben und das ist wohl der große Unterschied zwischen Bulgarien und Japan. Alles, was man sagt, hat große Power. Es liegt an uns zu entscheiden, welche Worte wir benutzen, wenn wir miteinander kommunizieren. Negative Statements machen krank und wirken sich negativ auf den Sprecher aus und zugleich auch auf den, an den sie gerichtet sind. Ich weiß, dass das Leben in Bulgarien nicht einfach ist, ich weiß, dass die Politiker viel dazu beitragen, aber ich weiß wie powervoll Worte sind und versuche, niemanden zu richten. Dieser Charakterzug der Bulgaren, andere zu beleidigen, schlecht zu reden und Vorwürfe zu machen bringt nichts Gutes, es verändert unser Leben nur zum Schlechten. Das ist meiner Ansicht nach der größte Unterschied, den ich bislang zwischen Bulgarien und Japan entdeckt habe“, sagte abschließend Juliana Antonowa-Murata.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: BGNES

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