Bräuche, Rituale und Überlieferungen zum Johannistag


Am 7. Januar wird in den orthodoxen Kirchen in Bulgarien eine sogenannte Synaxis (sprich Versammlung) zu Ehren des heiligen Vorläufers und Täufers Johannes gehalten. Dieser Heilige, der als der letzte alttestamentarische Prophet angesehen wird, hat die Taufe Christi im Jordan-Fluss vorgenommen, an die die Kirche am 6. Januar erinnert – dem Tag der „Erscheinung des Herrn“.Laut dem Volkskalender gehen an diesem Tag die sogenannten „schmutzigen Tage“ zu Ende. Nach allen reinigenden und segnenden Ritualen zu Weihnachten und Neujahr weicht laut den Vorstellungen unserer Vorfahren das Chaos und es wird die kosmische Harmonie wieder hergestellt. Ein neuer Anfang wird gesetzt.

Die an drei aufeinanderfolgenden Tagen (Taufe des Herrn, Johannistag und Tag der Hebammen) gepflegten Bräuche stehen untereinander in Verbindung. Es wird jeweils eine rituelle Waschung vorgenommen. Am Erscheinungsfest wird traditionell ein Kreuz ins Wasser geworfen, woraufhin junge Männer und Knaben ihm hinterherspringen, um es herauszuholen.

Am Johannistag wiederum findet eine rituelle Waschung aller statt, die den Namen des Täufers tragen. Das gilt aber auch für die Frauen, die angehenden Bräute und die Jungvermählten. Daher auch die Bezeichnung des Fests als „Frauen-Taufe“.

In den Volkstraditionen wird der Johannistag als Tag der Paten/Trauzeugen sowie der Brüderschaft und im weitesten Sinn der Freundschaft angesehen. Als Gott die Aufgaben unter die Heiligen aufgeteilt habe, sei dem heiligen Johannes die Taufe von Erde, Wasser, Bräuten und Kleinkindern zugefallen. Unsere Vorfahren veranstalteten zum Johannistag große Feste, bei denen die Trauzeugen rituell die jungvermählten Paare wuschen, indem sie sie mit Wasser bespritzten. Am Abend musste die junge Familie unbedingt ihre Trauzeugen aufsuchen und sie je nach Region mit verschiedenen Dingen beschenken, wie Ritualbrot, Wein und Schnaps. An diesem Tag wurden auch Brüderschaften geschlossen oder bereits geschlossene Brüderschaften (auch zwischen Frauen) gefeiert.

Laut Volksglauben müsse es am Johannistag Schnee und Eis geben, damit die Menschen und das Vieh im Sommer gesund bleiben. Ab der Taufe des Herrn wurden Ehevermittler und Brautwerber losgeschickt, damit eine eventuelle Hochzeit noch bis Anfang der Osterfastenzeit eingerichtet wird, andernfalls musste man bis nach Ostern warten. Am Johannistag endete wiederum die Zeit der Weihnachtssänger.

In einigen Regionen Bulgariens führten sie ihren Anführer zu einem Brunnen, wo er eine rituelle Waschung erfuhr. Danach fand in seinem Haus ein Festessen statt und mit einem gemeinsamen Reigen beschloss man die Umzüge der Weihnachtssänger an.

Die überlieferten Vorstellungen unserer Vorfahren, die unter dem Deckmantel der christlichen Religion weiterlebten, finden in den Volksliedern ihren direkten Ausdruck. In einem dieser Lieder wird erzählt, dass sich die Gottesmutter nach einem Taufpaten für ihren neugeborenen Sohn umgeschaut habe. Der heilige Johannes habe sich einverstanden erklärt, das Kind zu taufen. Als er es in das Wasser des Jordanflusses tauchte, habe der Grund golden geschimmert, während die Ufer in Silber erstrahlten. In einem anderen Lied, das traditionell zum Tag der Taufe des Herrn und dem Johannistag gesungen wurde, heißt es:

Hoch wuchs ein Baum
hinauf in den blauen Himmel.
Seine Zweige waren aus purem Silber,
seine Blätter aus reinem Gold.
Auf ihnen saßen goldene Bienen.
Ein hoher Baum – der heilige Johannes selbst.
Silberne Äste – die Ikonen,
goldene Bienen – die Christen Gottes.

Am Tag nach dem Fest des heiligen Johannes wird nach alter Tradition der Tag der Hebammen, der Neugeborenen und überhaupt des Wunders des Entstehens von neuem Leben begangen. In Verbindung mit dem Tag der Geburtshelferinnen hat sich bei der Umstellung vom Julianischen zum Gregorianischen Kalender etwas Ungewöhnliches ereignet. Papst Gregor XIII. ordnete 1582 eine Kalenderreform an, um den Kalender an die astronomischen Verhältnisse anzugleichen. Die katholischen Länder gingen sofort zum neuen Kalender über, der nach dem Papst benannt wurde. Die orthodoxen Länder hingegen taten es zu Beginn den 20. Jahrhunderts. In Bulgarien geschah es 1916, während die Bulgarische Orthodoxe Kirche erst 1968 diesen Schritt tat. Die Kirchenfeiertage wurden um 13 Tage vorverlegt – die Taufe des Herrn: vom 19. auf den 6. Januar und der Johannistag entsprechend von 20. auf den 7. Januar. Gleichzeitig damit wurde auch der Tag der Hebammen vom 21. auf den 8. Januar verschoben, obwohl es sich bei ihm voll und ganz um ein aus heidnischer Zeit stammendes Fest handelt, das keine christliche Entsprechung hat. Für die Bulgaren stand es untrennbar mit den vorangegangenen zwei Festen und ihren entsprechenden Bräuchen in Verbindung. Und noch eine Besonderheit: Vielerorts werden in Bulgarien die drei Festtage sowohl nach dem Gregorianischen, als auch nach dem Julianischen Kalender, also gleich zwei Mal, begangen.

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: BGNES

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